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fuchs: (peace and beach)
[personal profile] fuchs

Es gibt eine riesige Gruppe von Menschen, die "emotional kommunizieren". In deren Kommunikationskonzept sind Konventionen relativ festgeschrieben, die mir so fremd sind, dass ich das Gefühl habe, eine Fremdsprache zu lernen. Eine, die schwieriger ist als Japanisch.



Da wird, was in dem Dialekt, den ich spreche, als "passiv aggressiv" verdammt wird, als Höflichkeitsform verwendet. Wenn man sich tief genug hineindenkt, macht das sogar Sinn: Jemand hat mich verletzt. Ich kann ihn nun nicht direkt und klar darauf ansprechen, weil ich ihm so keine Chance auf eine ehrliche Antwort lasse, er "müsste" mir dann ja genüge tun. Wenn ich aber passiv agrressiv meine Verletztheit darstelle, bleibt demjenigen die Wahl, darauf einzugehen (wenn es z.B. nicht so gemeint war), oder es zu ignorieren. Genauso, wenn mich jemand zu weit treibt, zu viel von mir fordert oder erwartet. In dem Moment, wo ich das deutlich anspreche, habe ich einen Konflikt heraufbeschworen, und da ich ja "emotionaler Kommunikator" bin, bin ich höchstwahrscheinlich auch Konfliktvermeider. Auch das ist folgerichtig: Kritisierst du ein Verhalten von mir, so kritisierst du einen Teil von mir, der weit schließen lässt. Du kritisierst mich, meinen Charakter, ganz fundamental. Wird der Konflikt aber vermieden, und beide Kommunkationspartner kommunizieren "emotional", so wird passiv gefordert, passiv Erschöpfung signailisiert, passiv kritisiert und vielleicht gegebenenfalls heimlich eine Verhaltensweise verändert, woraufhin alle Beteiligten sich auch noch daran freuen können, dass es sozusagen von allein so gekommen ist. Das kostet Zeit und verlangt, dass beide den selben Kommunikationsmechanismen folgen, ist dafür aber wahnsinnig sanft zu den Nerven, Egos und wunden Punkten der Beteiligten.
Auch wird in dieser Art zu kommunizieren nicht für den anderen mitgedacht, nicht interpretiert und auch nicht impliziert. Das widerspricht sich scheinbar mit den oben genannten passiven Kommunikationsstrategien - aber nur scheinbar. Beim passiven Senden von Botschaften wird nicht der anderen Seite unterstellt, es wird nur der eigenen Botschaft eine weitere, emotionale Ebene hinzugefügt, die der andere gar nicht interpretieren muss, weil sie deutlich zu sehen ist. Beim Implizieren wird der Botschaft eine weitere, rationale Ebene beigefügt. Das kollidiert natürlich heftig, wenn "emotionale" und "rationale Kommunikatoren" aufeinander treffen.

Wenn ich also einem EK (emotional Kommunizierenden) weh tue, und der sich daraufhin in seinem Journal passiv verletzt zeigt, sehe ich als RK (rational Kommunizierender) durchaus den zeitlichen und thematischen Zusammenhang, kann aber nicht verstehen, wieso nicht sofort klar und deutlich darüber gesprochen wurde. Gegebenenfalls finden sich im Post vom EK auch noch Formulierungen, die im RK-Dialekt deutliche Implikationen beinhalten, die mich dann wiederum verletzen, was ich deutlich anspreche, wobei ich auch noch deutlich Verhalten kritisiere, was den EK natürlich endgültig vergrätzt.

Und auch auf einen Konflikt folgendes nicht-Kommunizieren wird in beiden Dialekten unterschiedlich interpretiert: Für den RK ist es: nicht-Kommunizieren. Punkt. Für den EK: Warten. Meist auf eine Entschuldigung oder doch wenigstens ein Näherkommen. Je länger das Schweigen anhält, umso mehr entspannt sich der RK, und umso mehr verspannt sich der EK.
Wenn in der Zeit aber auch noch Botschaften ausgetauscht werde, kann es noch schlimmer kommen. Der EK hält sich (verletzt, aber würdevoll) zurück, benutzt aber weiter RK-Implikationen (ohne sich dessen bewusst zu sein, da die Verhaltenskritik über die Sprachbarriere hinweg ja nie geklärt werden konnte), was den RK immer wieder kalt erwischt und verärgert.


Zwei schöne Beispiele, die ich erst jetzt so langsam durchsteige:

A postet etwas für B Verletzendes. (jaaaa, ich höre euch stöhnen, aber lest mal weiter.)
B beschwert sich, das könne A so nicht tun.
C springt A zu Hilfe und verkündet, A könne in A's Journal äußern, was A wolle.
B konstatiert, dass B sich dann ja wohl auch darüber beschweren dürfe.
C antwortet (vermutlich etwas perplex): "Natürlich kannst du das."

A und C sind EKs. A hat sich passiv aggressiv geäußert, wie das im Fall einer Verärgerung oder Verletztheit von A auch völlig legitim im Jargon der EKs ist. In B's Jargon dagegen ist das ein klarer Verstoß, B ist RK. B beschwert sich also. C springt A zu Hilfe, verwendet aber eine Formulierung, die nach RK-Implikation völlig selbstverständlich impliziert, dass B's Comment ein Verstoß wäre. Auf diese Implikation reagiert B, was C natürlich nicht nachvollziehen kann. Im Gegenteil, möglicherweise hört C sogar noch heraus (denn C ist vermutlich nicht doof), was für eine Implikation B gesehen hat. Da C diese Implikation aber nicht beabsichtigt, und nach EK-Regeln auch gar nicht verwendet hat, ist das in C's Augen eine Unterstellung von B.
Herrlich, oder? Mir macht sowas Spaß.


Noch schöner (da Auslöser für viel Leid und Tränen meinerseits dieses Jahr):

A ist Mod und rügt X, verwendet dafür mehrere gute Argumente.
B fragt nach, ob Argument c denn so stimmen könne.
*möööööp*

A ist RK und sucht sofort ganz instinktiv nach dem Sinn, Zweck und Ziel dieser Frage. Da ein vordergründiger (für den RK) nicht zu finden ist (denn die Antwort auf die Frage lässt sich mit zwei, drei Klicks mehr finden), wird sofort die hintergründige, nach RK-Regeln implizierte Absicht der Nachfrage gesehen: Schwächung der Argumentation und/oder Autorität von A. Eine solche Sub-Botschaft wäre nach beiden Regelwerken illegitim, nach dem EK-System aber auch völlig absurd. B wollte bloß nachfragen, Punkt.
In diesem unschönen Fall fauchte A B (nach RK System ja zu Recht) entrüstet an, woraufhin dann auch noch C B zu Hilfe sprang und B's Charakter verteidigte, den A gar nicht angegriffen zu haben glaubte. Bummm!


Oder auch immer wieder beliebt:

A lästert fröhlich über irgendetwas, z.B. eine Fernsehserie, führt dabei diverse Gründe auf, warum diese großer Schwachsinn ist. A ist, das merkt man jetzt schon, RK.
B, gut mit A befreundet, ist schockiert. B ist, sehr gut aufgepasst, EK, sieht also in dem Verriss von etwas, das B sehr mag, auch eine Kritik an B's Charakter, denn wer etwas scheiße findet, tendiert auch dazu (so steht es jedenfalls im EK-Gesetzbuch), diejenigen, die das toll finden, für etwas beschränkt zu halten.
Was A natürlich nie in den Sinn gekommen wäre.
B commentiert also, führt dabei ziemlich emotional zu jedem von A's vorgebrachten Punkten B's Meinung aus. Im RK-Dialekt greift B damit aber A's Meinung an, und zwar als solche.
Etc., etc., pp.


Und all das habe ich nun verstanden. Langsam versucht sich mein rationales Kommunizieren diesen Erkenntnissen anzupassen. Nur wie ich an die EK's meiner Umgebung rankommen soll, weiß ich immer noch nicht. Denn dieser Post ist ja auch schon so RK wie es nur geht. Wie erklärt man jemandem, der EK ist, so etwas? Wie kritisiert man einen EK, ohne ihn zu verletzen, was den Dialog gleich knicken würde, aber auch ohne passiv aggressiv zu kommunizieren?
Wie macht man einem EK klar, dass auch RK's Gefühle haben, die möglicherweise schwer verletzt wurden? Wenn man es einfach ganz RK äußert, wirkt das schnell ich-bezogen und selbstmitleidig. Im Grunde ist jede Botschaft, die aussagt: "Ich bin verletzt" genau das: ich-bezogen und selbstmitleidig. Nur eben: legitimerweise. Wird das passiv geäußert, so ist das natürlich subtiler und damit weniger negativ sichtbar. Wird es klar und deutlich gesagt, versteht das vielleicht noch ein RK, ein EK scheitert daran.
Aber ich will nicht passiv aggressiv kommunizieren (*maul*)...


Ganz entzückend ist natürlich, wenn einem dann in einer Community (welcher wohl) ein Arschloch unterkommt, dass impliziert, um zu provozieren, und das bei RK's und EK's der Community gleichermassen, und man selbst dann so auf dem "Wir müssen alle reden"-Trip ist, das man dem viel zu lange antwortet. Wobei ich nun von einem EK gehört habe, der nicht direkt provoziert worden war, und das dementsprechend auch nicht so schlimm fand. Ganz EK meinte er, man solle das Arsch mal fragen, ob er irgendwie streitlustig gewesen wäre. All mein RK-tum schüttelt sich dabei. *lach* Ich fürchte, dieser EK betrachtet das Arschloch, als wäre auch dieses ein EK, aber ich habe den Verdacht, es ist ein RK, und zwar ein böswilliger RK.

Denn natürlich können Implikationen und passive Aggressivität auch böswillig verwendet werden. Manche RK's implizieren böswillig als Sport. Manche EKs kommunizieren passiv aggressiv, um sich nicht nur vor Verletzungen etc. zu schützen, sondern auch, um Arbeit oder Veränderungen aus dem Weg zu gehen. Lustigerweise ist passiv aggressives Kommunizieren bei den RK's und Implizieren bei den EK's jeweils besonders verpönt...
Und die Ärsche beider Seiten, die jegliche Konventionen für illegitime Botschaften verwenden, die sorgen dafür, dass RK's und EK's sich gegenseitig kaum guten Willen unterstellen können und dazu neigen, die jeweils andere Truppe sofort für böswillig zu erklären. Was das Ganze nun wirklich nicht einfacher macht.

Zusammenfassend:

emotionale Kommunikation  rationale Kommunikation
- passiv aggressiv ist höflich, vermeidet offenen Konflikt
- offener Konflikt ist zu vermeiden, denn jegliche Kritik betrifft immer den ganzen Kritisierten
- es werden emotionale Subbotschaften verwendet und gesehen
- Kommunikation um der Kommunikation willen
- passiv agrressiv ist unhöflich, da es die Möglichkeit zum offenen Konflikt nimmt
- offener Konflikt ist zu suchen, denn mit Kritik lässt sich umgehen, mit andauernder, emotionaler Betroffenheit nicht
- es werden rationale Subbotschaften verwendet und gesehen
- Kommunikation hat einen bestimmten Sinn, einen Zweck, eine Absicht, ein Ziel.

... ich wette, das hat irgendjemand Berühmtes schon längst so irgendwo geschrieben und veröffentlicht. *seufz*


Date: 2006-11-26 04:49 pm (UTC)
From: [identity profile] elfy.livejournal.com
Nicht kann! Ich wünschte wirklich, ich könnte das einfach so formulieren, aber abgesehen von der Problematik bin ich sowieso nicht so... hm, wie soll ich das sagen... ich glaube einfach nicht, dass ich sowas gut in Worte fassen kann. Auch aus Sorge, dass man mich hinterher auf was festnagelt, was ich mal gesagt habe, weil ich in dem Moment dachte es sei richtig. Ich kann da selbst nur Vermuten, irgendwie.
Was Vanita sagt stimmt aber schon sehr. Ich hab vor ner Weile mal einen Eintrag in meinem LJ gemacht, dass mich das mit dem Produktdesign hier grade so furchtbar ankotzt und keine Lust und ich bin doch kein Produktdesigner und blabla. Darauf hatte niemand reagiert, was ich schon schade fand, weil ich ein liebes Wort ganz gut hätte brauchen können. Ich hab dann jemanden (ist mal egal wen) darauf angesprochen, dass da niemand was zu sagt und wie schade und überhaupt. Darauf schrieb mir die Person doch einen Kommentar, der total lieb gemeint war und ich schaffe das schon irgendwie und so - und dann stand da noch dabei, dass 'sie (die person) schon immer gesagt hatte, dass ich ja kein designer bin'. Was im Grunde nicht verkehrt ist - ich wäre evtl. für andere Jobs besser geeignet, vielleicht wäre es tatsächlich besser, ich würde nicht studieren, weil ich selbst nicht davon überzeugt bin, dass ich später mal Miss Designerin sein will, sondern lieber ausführe etc (generell wäre eine andere Richtung vielleicht besser). Sache ist, ich habe kein klares Ziel, was blöd ist, sehr blöd, am blödesten für mich, aber ich kann mich nicht einfach hinsetzen und es mal eben rausfinden und dann den Sinn des Lebens wissen und wo ich hin will etc. Deshalb gehe ich den Weg, den ich eben gehe und sage mir immer wieder, er ist im Moment der Beste, denn jeder andere könnte genauso falsch sein und ich bin ja auch nicht schlecht in dem was ich tue. Nunja, lange Rede, kurzer Sinn, typisch EK, ich wollte Aufmunterung, so wie das doch jeder manchmal braucht, aber ich wollte doch nicht hören, dass ich hier falsch bin. Auch wenn es stimmt - es ist mir ja klar, aber wenn ich eins nicht kann oder will, dann ist es jetzt so und hier alles hinwerfen und noch mal bei null irgendwo anfangen, ohne die Garantie dass es dann besser ist. Das glaube ich nämlich nicht, dass es was gibt, was essentiell besser ist.
Kurzes Drama, Komment wurde (nicht von mir) gelöscht, ich hab versucht mich zu erklären, aber ob es geklappt hat weiß ich nicht. Es war ja nie verletzend gemeint gewesen. Genauso wie ich niemanden verletzen will, auch wenn ich dauernd irgendwelche Tipps und Hilfestellungen gebe, die mal leicht als Kritik aufgefasst werden.

Ich glaube das Problem ist auch, wie du selbst erwähnst, wie die gemeinsame Vergangenheit ist und wie man mit Verletzungen umgeht, die schon passiert sind. Es ist nur eine Theorie, aber ich glaube ich neige sehr stark dazu, Verletzungen zu vergessen, zu verdrängen und zu verzeihen. Wenn mir jemand weh getan hat, gebe ich ihm grundsätzlich immer und immer wieder eine Chance, lege mir Erklärungen zurecht die den anderen 'entlasten' ("Hatte nen schlechten Tag"). Auch wenn ich anfangs eingeschnappt, sauer, traurig, whatever bin - man lasse mir etwas Zeit und ich bin wieder auf einer harmonischen Basis. Nur funktionieren andere eben nicht so, wenn ich sie verletze (immer unbeabsichtigt, ich bin harmoniesüchtig und will wie der Großteil der Menschheit einfach nur liebgehabt werden, die meisten Verletzungen basieren wohl wenn dann aus falscher Kommunikation, bzw. schlichter unfähigkeit meinerseits) beeinflusst das die Art wie sie mit mir umgehen, wie sie meine Aktionen und Reaktionen und meine Worte bewerten (Da werden dann sachen auf die Goldwaage gelegt, die ohne die vorherige Verletzung keine beachtung gefunden hätten). Und das ist so eine Sache, die mich so essentiell von anderen unterscheidet, dass auch ich sie kaum nachvollziehen kann. Ich kann auch nicht sagen, was besser ist. Natürlich denke ich oft mein Weg wäre der bessere, aber so wie ich daran scheitere Konflikte zu suchen, um Verbesserungen herbeizuführen, scheitern andere sicher auch daran immer und immer wieder Verständnis zu zeigen.

August 2018

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